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Im Interview: Raumpsychologe Uwe Linke

Kreative Köpfe
00 Presenter final@2x
Text: Laurie Hilbig
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Das Gefühl für Einrichtung und deren Wirkung wurde Uwe Linke buchstäblich in die Wiege gelegt: Schon früh dekorierte er im Einrichtungshaus seiner Mutter ganze Abteilungen. Dass Farben und Formen vor allem auch auf die Psyche wirken, bemerkte er schnell. So führte ihn sein Weg zu zwei Berufsfeldern, denen er sich heute mit Leidenschaft widmet: der Raumpsychologie und der Paartherapie.

Wir von AmbienteDirect haben uns mit Uwe Linke getroffen und mit ihm über die Kraft der Einrichtung gesprochen.

Herr Linke, schön, dass Sie sich Zeit für uns nehmen! Sie sind nicht nur Experte für Wohnpsychologie, sondern auch Paartherapeut. Wie passt das zusammen?

Durch private Umstände bin ich zu meinem eigenen Einrichtungshaus gekommen und konnte in fast 25 Jahren einen großen Erfahrungsschatz über Menschen und deren Lebensräume sammeln. Schon am Anfang bat mich eine Psychotherapeutin ihre Praxis einzurichten. Ich habe sie gefragt, wie sie arbeitet, wer zu ihr kommt und wie ihre Räume auf die Menschen wirken sollen. Sie meinte hinterher, dass ich ein gutes Gespür dafür habe. Von der Wohnsituation auf den Charakter zu schließen oder den Charakter in eine Gestaltung zu übersetzen wurde zu meinem Lebensthema. Diese erste Berührung mit der Psychologie lies mich nicht los und ich machte neben meinem Job Ausbildungen zum systemischen Coach und Therapeut. Später sah ich, dass gerade Paare Beratung suchen, wenn es um das gemeinsame Nest geht. Wer einmal streitende Paare im Laden erlebt hat, weiß, dass es dabei nur oberflächlich um die Möbel geht.

 

Gibt es einen Einrichtungsstil, den viele Menschen als schön empfinden?

Unser Weltbild sorgt dafür, dass wir eine bestimmte Vorstellung von Schönheit haben. Oft spielen Sehnsüchte mit hinein. Wenn jemand den Landhausstil schön findet, spiegelt sich da die Sehnsucht nach der guten alten Zeit wider. Wer konservativ ist, dem gefällt auch eher der massive und stabile Holztisch, der auch traditionelle Formen aufgreift. In den letzten Jahren kamen viele Einflüsse aus Skandinavien zu uns, die sich nicht nur in den Designs zeigen, sondern in einem Lebensstil, der Leichtigkeit und Geselligkeit verkörpert. Also vieles, was wir in unsicheren Zeiten eben vermissen.

 

Was lässt einen Raum beruhigend wirken?

Man sollte mit wenigen horizontalen Linien arbeiten, also zum Beispiel Bilder nicht wild in unterschiedlichen Höhen aufhängen. Beruhigend wirkt auch die Reduktion von Farbe, also maximal drei Farben pro Bereich. Farbkonzepte sind sehr sinnvoll, weil wenige Elemente so präsent und wirkungsvoll wie Farbe sind. Die Reduzierung und Schlichtheit von Gegenständen und die Konzentration auf dichte und leere Bereiche schaffen eine ruhige Ausstrahlung.

 

Wie weiß ich denn überhaupt, welche Einrichtung mich langfristig zufrieden macht?

Nachmachen ist selten befriedigend, weil der Aneignungsprozess fehlt, der dazu beiträgt, dass wir uns mit dem Umfeld identifizieren und auseinandersetzen. Heute sind wir auch oft von Trends getriggert. Das bedeutet, dass der Blick zu dem, was wir emotional benötigen oft verstellt ist. Die wichtigste Frage beim Einrichten ist daher: „Wie wollen Sie sich in dem Raum fühlen?“ Es ist wichtig, dass Menschen sich im Klaren darüber sind, welche Bedürfnisse mittels der Einrichtung befriedigt werden sollen. Ich habe dafür ein Tool entwickelt, die Collage. Mit Material- und Farbmustern legen meine Kunden spielerisch eine Collage ganz ohne Absicht. Das Spannende dabei ist, dass jeder genau weiß, welche Farben er nimmt, welche er lieber vermeidet und wie die Collage für ihn schön aussieht. Aus der Wahl und der Art der Konstruktion lässt sich vieles über die Bedürfnisse und Emotionen ablesen. Die Menschen sind immer wieder erstaunt, was sich daraus alles erkennen lässt und wie genau es zutrifft.

 

Wie wirkt sich Einrichtung auf unsere Stimmung aus?

Je nachdem wie wir Schönheit, Zweckmäßigkeit und Gemütlichkeit definieren. Was für den einen genau passt, ist für einen anderen chaotisch und ungemütlich. Farben spielen dabei eine große Rolle, aber auch Licht und Wohntextilien. Jeder kennt auch den Effekt, dass man sich bei Freunden in einem Stil wohlfühlt, den man aber selbst nicht zuhause möchte. Entscheidend für mich ist, dass man sich wohlfühlt. Die Entwicklung eines eigenen Stils, der die Sinne befriedigt und den Zweck ästhetisch erfüllt- genau dabei unterstütze ich meine Kunden mit Konzepten für Raum, Licht und Farbe. Und wenn der Kunde dann am Schluss sagt: „Wow, das ist ja toll, ich hätte es nie selbst beschreiben können, aber das ist genau das, was ich wollte“ – dann sind alle glücklich!

 

Frauen und Männer haben oft unterschiedliche Geschmäcker bei der Wahl der Farben und Möbel. Wie können Paare auf einen gemeinsamen Nenner kommen, ohne in Streit zu geraten?

Am besten wäre es, wenn Paare sich zusammen eine neue Wohnung suchen und sich dann gemeinsam einrichten. Oft ist es aber so, dass der Eine beim Anderen einzieht. Da schlage ich dann das Prinzip der Asservatenkammer vor: Das Paar räumt einen Raum komplett aus, streicht ihn neu und dann wird für jeden einzelnen Gegenstand neu verhandelt. Gibt es einen emotionalen Wert? Ist es wichtig oder kann es weg? Das Paar entscheidet bei jedem Stück gemeinsam. Wichtig ist, aufeinander einzugehen und Empathie zu zeigen.

01 StyleMag 3er Kachel
02 StyleMag 3er Kachel
03 StyleMag 3er Kachel

Eine Frage zum Abschluss: Mein Wohnzimmer ist chaotisch und spontan kündigt sich Besuch an. Mit welchen Tricks kann ich arbeiten, um einen Raum schnell ordentlich wirken zu lassen?

Ich mache es so: Ich habe eine Kammer, in die ich etwas hineinwerfen und die Tür zu machen kann. Das Aufräumen geht am Schnellsten, wenn man systematisch vorgeht. Alle Klamotten entfernen, alles was mit Essen zu tun hat und den Papierkram zusammentragen. So hat man schon vorsortiert und es sieht recht ordentlich aus. Dass ein Raum lebendig wirkt und ein paar Dinge herumliegen, stört eigentlich niemanden. Das macht es sogar gemütlich. So clean und aufgeräumt wie in einem Showroom sehen gelebte Räume im echten Leben nun mal nicht aus.  

 

Uwe Linke ist Experte für Wohnpsychologie, Autor und Paartherapeut. Er analysiert emotionale Bedürfnisse und schafft Wohlfühlatmosphären für Privat, im Handel und in der Gastro- und Hotellerie. Mehr unter: www.uwelinke.de

 

 

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